31. Oktober 1999 - der Reformationstag fällt dieses Jahr auf einen Sonntag. Schon in der Frühe läßt sich absehen, daß es gleichzeitig auch ein richtiger Sonnentag werden wird - das Wetter spielt also mit. Ein historischer Tag: Der jahrhundertealte Zwist zwischen Katholiken und Protestanten soll endlich begraben werden. Ich stehe vor dem Augsburger Dom, wie viele habe ich zur Statio am Morgen keinen Platz mehr im Gotteshaus gefunden. Es geht ein frischer Wind - das Wehen des Geistes? Die herbstlich gefärbten Blätter, die im Wind dahersegeln, bilden eine bunte Kulisse für die Fernsehinterviews; ein kleines Kind in seinem Wagen will das Mikrofonkabel, des Reporters, der seine Eltern interviewt, nicht mehr hergeben. Eine frohe Stimmung herrscht, jemand vergleicht das bevorstehende Ereignis mit dem Fall der Berliner Mauer. Dann endlich der Auszug aus dem Hohen Dom; wie farbenträchtig er sich gestaltet mit all den katholischen und evangelischen liturgischen Gewändern der Teilnehmer aus aller Welt! Neben dem bekannten Kardinalspurpur, dem bischöflichen Violett und dem schwarzen Talar unserer hiesigen Pastoren die bunten Gewänder der evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer aus Indien, aus Afrika... Ein Stück Weltkirche in ihrer verschiedenen Ausprägungen wird an einem Ort gegenwärtig. Die Prozession macht sich auf den Weg durch die Innenstadt zur historischen evangelischen St.-Anna-Kirche, begleitet von vielen Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben ebenso wie von "einfachen" Christen.
Szenenwechsel. Nachdem in der Annakirche lange nicht alle Teilnehmer unterkommen können, ist auf dem Augsburger Rathausplatz ein Zelt mit einer Kapazität für 2000 Gäste aufgebaut worden. Dorthin wird der historische Akt auf einem Großbildschirm direkt übertragen. Als ich dort ankomme, ist das Zelt noch ziemlich leer. Das ändert sich aber bald; als die eigentliche Übertragung beginnt, ist auf den Sitzplätzen so gut wie kein Platz mehr frei. Nicht alle Anwesenden sind freilich mit dem, was ein paar hundert Meter weiter in der Annakirche geschieht, ganz einverstanden. Ich höre auch einen Kommentar: "Was würde Luther wohl dazu sagen? Im Grab würde er sich herumdrehen!" Freilich, das ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Als der Gottesdienst beginnt, werden im Zelt die Lieder mitgesungen, die gemeinsamen Gebete mitgesprochen - ein ergreifendes Erlebnis. Der minutenlange Applaus in der Annakirche, während die Vertreter der katholischen und der lutherischen Kirche ihre Unterschrift unter das Dokument setzen, wird natürlich auch vom Zelt aus begleitet. Ich denke, alle Teilnehmer sind sich bewußt, daß wir einen historischen Moment miterleben dürfen, von dem wir noch unseren Enkeln erzählen können...
Was wird dieser Tag für Folgen bringen? Die Hoffnungen sind groß. Vielleicht kommt bald die Ökumenische Mahlgemeinschaft? Vielleicht ist er ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur endgültigen Einheit? Die Spanier haben eine Redensart, die vor dieser Frage nicht treffender sein kann:"Dios dirá" - "Gott wird es sagen"!
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